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Habt Ihr das gesehen, dass der Artikel zu dem Begriff „ChatGPT“ bei der deutschen Wikipedia im letzten Jahr 3,9 Millionen Mal aufgerufen wurde?[1] Häufiger wurden nur Artikel zu „Robert Oppenheimer“, „Deutschland“ und „Nekrolog 2023“ angeklickt.
3,9 Millionen Menschen interessieren sich in Deutschland also für einen Chatbot, der „künstliche Intelligenz einsetzt, um mit Nutzern über textbasierte Nachrichten und Bilder zu kommunizieren“[2].

Das heißt, es besteht in der Gesellschaft ein grundsätzlich großes Interesse an dieser „neuen“ Form der smarten Datenauskunft. Denn die Wikipedia gilt schließlich als erste Anlaufstelle für weiterführende Informationen über alles, was es so gibt auf der Welt, wenn Google als erste Hilfestellung nur Überschriften statt Inhalte liefert. Und dabei ist die Motivation, etwas mehr über die „künstliche Intelligenz“ herauszufinden, so vielfältig wie die Anwendungsmöglichkeiten der Technologie.

Warum, Wieso, Weshalb?

Da ist zum einen die schlichte Neugierde von technikbegeisterten Nerds zu nennen, die testen wollen, wie es tatsächlich um die Fähigkeit von ChatGPT bestellt ist, menschenähnlichen Text zu generieren und komplexe Konversationen zu führen. Dabei gilt natürlich zunächst auch die Prämisse, dass die Nerds selber in der Lage sein sollten, eine komplexere Konversation zu führen, die über den Austausch von xkcd Comicstrips oder die beste Tiefkühlpizza Hawaii hinausgeht. Eine Möglichkeit ist dabei, das Programm einfach auszuprobieren, aber sicherlich stellt die Recherche zu der Frage „Wie funktioniert das?“ ebenfalls einen sinnvollen Weg über die Wikipedia dar, etwas mehr über die Mechanismen des Sprachmodells zu verstehen.

Betrug oder Eigenleistung?

Weiterhin wird ChatGPT in Bildungseinrichtungen und Forschungsinstitutionen als ein Werkzeug betrachtet, das helfen kann, menschenähnliche Interaktionen zu simulieren. Student:innen, Forscher:innen und Wissenschaftler:innen sind naturgemäß daran interessiert, wie ChatGPT ihre Arbeit unterstützen kann, sei es bei der Simulation von Gesprächen für Studien oder bei der Generierung von Texten für wissenschaftliche Arbeiten. Ja, ok, Schummeln. Es heißt Schummeln, wenn man eine KI für sich arbeiten lässt. Oder nicht? Das kann man zum Beispiel auch bereits in der Wikipedia zu dem Thema nachlesen – „„Wenn es nur darum geht, Wissen zu reproduzieren und nett neu zu verpacken, ergeben Hausarbeiten keinen Sinn mehr.“ ChatGPT mache das Abfassen solcher Arbeiten fast „zu einer unerträglichen Leichtigkeit“.[3] Hätte ich das damals schon gehabt, verdammt.

Ein weiterer Bereich der Motivation, mehr über ChatGPT zu erfahren, liegt in ethischen Überlegungen und der Verantwortung im Umgang mit künstlicher Intelligenz. Also zumindest mich hat das interessiert, welche Auswirkungen die Nutzung von ChatGPT haben können. Vor allem der Aspekt, durch die Verwendung des Sprachsystems ein Opfer des sogenannten „Framing“ zu werden. In der Wikipedia wird dieser Kritikpunkt auch als „falsche Kausalität“[4] bezeichnet und in dem Unterkapitel zu „Kritik und Problemen“ mit anderen Punkten erwähnt. Vertiefend dazu hat sich der ehemalige Staatsminister Julian Nida-Rümelin geäußert und ebenfalls die mögliche Gefahr erkannt und benannt: „Bei ChatGPT wird nur eine Antwort auf den Suchbegriff geliefert. Diese Antwort steht allein da – ohne Alternativen, ohne Relationen, ohne Einordnung. Dadurch wird selbst bei Digital Natives der Eindruck erweckt, dies sei das einzig relevante Ergebnis.“[5]

Kunst und Profession als Motivation

Um mal etwas positiver zu werden, muss man auch diejenigen Nutzer nennen, die sich aus kreativen Gründen über die Chatfunktion bei der Wikipedia informieren möchten. Kreative Köpfe sehen in ChatGPT auch die Möglichkeiten, innovative und unterhaltsame Anwendungen zu schaffen. Künstler können bekanntermaßen aus allem irgendwie einen Mehrwert herausarbeiten und dementsprechend ist auch ChatGPT mindestens eine geeignete Plattform, um interaktive Stories zu erstellen. Leider wird dieser künstlerisch-kreative Ansatz in der Wikipedia gar nicht angesprochen und somit müssen zumindest diese Besucher:innen ihre Erfahrungen selber machen, was den meisten Kunstformen ja ohnehin eigentlich inhärent ist. DIY.
Schließlich bleiben noch diejenigen Nutzer:innen der Wikipedia, die sich aus professionellen Gründen für ChatGPT interessieren. Viele Menschen suchen grundlegende Informationen über ChatGPT, um herauszufinden, wie es in ihrem beruflichen Umfeld eingesetzt werden kann. Von der Vereinfachung des Programmierens über die Themenfindung für Workshops bis hin zur Automatisierung von Textgenerierungsaufgaben hat KI zumindest das Potenzial, zahlreiche professionelle Anwendungen zu verbessern und Abläufe zu erleichtern (ja auch das Schummeln).
Für die einfältigen Anforderungen also einfach einen Roboter in der Firma engagieren! Einfache Tätigkeitsbereiche, sich wiederholende Aufgaben, die für Menschen eintönig, vielleicht sogar belastend sind, Routinetätigkeiten, die nicht viel Kreativität oder besonderen Sachverstand erfordern. Das kann doch alles die KI übernehmen! Dieser Wunsch brennt dem Menschen schon seit Jahrhunderten auf der Seele, warum also nicht endlich Realität werden lassen?

Keine Angst vor der KI

Und falls ihr jetzt Angst bekommen habt, euren Job zu verlieren, weil ihr durch eine künstliche Intelligenz ersetzt werden könnt, dann habt ihr in Wirtschaftsgeschichte nicht gut aufgepasst.
„In vielen früheren Phasen der technologischen Innovation wurden enorme Arbeitsplatzverluste vorhergesagt, und im Großen und Ganzen haben wir das Gegenteil erlebt, angetrieben durch Produktivitätssteigerungen, niedrigere Preise und auch völlig neue Produkte und Dienstleistungen.“[6]

Ihr könnt euch also sicher sein, dass auch mit ChatGPT und dem Vormarsch der KI auf dem Arbeitsmarkt immer noch irgendwo eine Stelle für euch frei sein wird. Immerhin haben die meisten Besucher:innen im Jahr 2023 sich für gestorbene Menschen und das Totenverzeichnis auf Wikipedia interessiert – und wenn es hart auf hart kommt, vielleicht ist das ja etwas für eure berufliche Zukunft? 😉 Gestorben wird immer …